RESIST-Forscher Professor Pietschmann leitet die in Deutschland stattfindenden Forschungsarbeiten eines internationalen Konsortiums, das nach einem Medikament gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 sucht – in der weltweit fĂŒhrenden Wirkstoff-Sammlung.

Innovationen auf Basis bewĂ€hrter Wirkstoffe, neue Indikationen fĂŒr etablierte Mittel – das Prinzip des Repurposing hat in der Medizin schon oft zum Erfolg gefĂŒhrt. Deshalb wird es auch gegen SARS-CoV-2 eingesetzt: Um rasch ein Medikament zur Behandlung von COVID-19 zu finden, sucht ein internationales Forschungsnetzwerk in der weltweit grĂ¶ĂŸten Substanz-Repurposing-Bank „ReFrame“ nach Stoffen, die gegen SARS-CoV-2 wirken. Die Sammlung umfasst rund 14.000 zugelassene Medikamente sowie Wirkstoffe, fĂŒr die es bereits umfangreiche Sicherheitsdaten in Bezug auf die Anwendung beim Menschen gibt. An der Suche sind mehrere Labors in den USA, vier in Großbritannien und je eins in China und Deutschland beteiligt. „ReFrame“ wurde von Scripps Research, Kalifornien, im Jahr 2018 mit UnterstĂŒtzung der Bill & Melinda Gates Foundation aufgebaut.

„Ich bin zuversichtlich, dass wir innerhalb von wenigen Wochen Substanzen finden werden, welche die Vermehrung des Virus hemmen können. Dabei bekommen wir ein umfassendes Bild von der Wirksamkeit der Substanzen gegen dieses Coronavirus, da sich die Untersuchungen in den verschiedenen Labors ergĂ€nzen“, beschreibt Professor Pietschmann, der die in Deutschland stattfindenden Forschungsarbeiten leitet. Professor Pietschmann ist Wissenschaftler des Exzellenzclusters RESIST, das von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) geleitet wird, und des TWINCORE-Zentrums fĂŒr Experimentelle und Klinische Infektionsforschung – einer gemeinsamen Einrichtung der MHH und des Helmholtz-Zentrums fĂŒr Infektionsforschung (HZI).

Den Nachweis, ob die Vermehrung des Virus gehemmt wird, erarbeitet Professor Pietschmann gemeinsam mit Professor Dr. Thomas Schulz, Leiter des MHH-Instituts fĂŒr Virologie und Sprecher des Exzellenzclusters RESIST. Ihre Teams nutzen dazu einen Roboter, der im Rahmen des Deutschen Zentrums fĂŒr Infektionsforschung (DZIF) betrieben wird, dessen Mitarbeiter Professor Schulz und Professor Pietschmann auch sind. Das notwendige speziell markierte Coronavirus hat Professor Dr. Volker Thiel vom Institut fĂŒr Virologie und Immunologie der UniversitĂ€t Bern hergestellt.

„Wenn wir Substanzen gefunden haben, die die Virusvermehrung hemmen können, untersuchen wir sie nĂ€her: Wir schauen dann, wie sie in der menschlichen Lungenzelle wirken, warum sie die Vermehrung hemmen und welche Dosis dafĂŒr nötig ist“, erlĂ€utert Professor Pietschmann. Chemisch-biologische Eigenschaften ausgewĂ€hlter Wirkstoffe werden in Kooperation mit Professor Dr. Mark Brönstrup, HZI und DZIF, geprĂŒft. Diese Zusammenarbeit wird durch einen Sonderfond des Landes Niedersachsen gefördert, der kurzfristig zur BekĂ€mpfung der Coronavirus-Krise bewilligt wurde.

Aufbauend auf die Ergebnisse der Forschungsarbeiten von Professor Pietschmann und seinen Kolleginnen und Kollegen können dann klinische Studien durchgefĂŒhrt werden. Wenn es sich um ein bereits zugelassenes Medikament handelt, könnte es sein, dass der Wirkstoff sehr zĂŒgig fĂŒr eine Behandlung von COVID-19 entwickelt werden kann. Ist die Substanz noch nicht zugelassen, kann man an bereits vorhandene Daten anknĂŒpfen, so dass eine Zulassung schneller erreicht werden kann als dies sonst möglich wĂ€re. Wie lange das dauert hĂ€ngt davon ab, wie weit sie bis dahin schon in klinischen Untersuchungen getestet wurden.

Ein Beispiel fĂŒr das Repurposing-Prinzip ist der zeitliche Ablauf bei dem bisher noch nicht fĂŒr die Behandlung einer Krankheit zugelassenen Wirkstoff Remdesivir, der auch in der Substanzsammlung ist: Als SARS-CoV2 zu Beginn des Jahres auftauchte, gab es bereits Tests in Zellkulturen und an Versuchstieren und auch im Kontext der Ebolavirus-Krise am Menschen. Die Ergebnisse der Zulassungsstudie zur Anwendung gegen COVID-19 werden in den nĂ€chsten Wochen erwartet.

„Ich bin sehr hoffnungsvoll, dass sich aus unserer Orientierungsstudie, die wir öffentlich zugĂ€nglich machen, Ansatzpunkte fĂŒr Medikamente zur Behandlung der Erkrankung COVID-19 ergeben werden“, sagt Professor Pietschmann.